Allgemein | Drama

PREMIERE IM WALD

DIE GEDANKEN SIND FREI
Am Freitag, dem 21. Juni, feierte „Ein Räuberleben“ seine Uraufführung – mitten im sattgrünen Spessart-Wald. Das etwas andere Theaterstück zog die Zuschauer durch seine eindringliche Atmosphäre in seinen Bann, ließ ein Stück Räuberleben miterleben und erntete viel Applaus und viel Gelächter.

DIE GEDANKEN SIND FREI

Am vergangenen Freitag, dem 21. Juni, feierte „Ein Räuberleben“ seine Uraufführung – mitten im sattgrünen Spessart-Wald. Das etwas andere Theaterstück zog die Zuschauer durch seine eindringliche Atmosphäre in seinen Bann, ließ ein Stück Räuberleben miterleben und erntete viel Applaus und viel Gelächter.

Keiner der Zuschauer wusste genau, was ihn an diesem Abend erwartet, als sie sich alle kurz vor 19 Uhr am Parkplatz Friesenheiligen im Wald bei Bad Orb einfanden. Das es hier zwielichtige Gestalten gibt, ahnte man bereits, aber die Ankunft der Zigeunerin Glubschaache Sina machte die Ahnung zur Gewissheit. Sie mischte sich unter die Zuschauer, wenn auch nicht unbemerkt, sondern lauthals, legte ihnen die Karten und las den Damen aus der Hand. Punkt 19 Uhr erschien ein einarmiger Büttel aus Hanau, der sich mitleidig an die versammelten Zuschauer wandte und sie als „den armseligen Haufen“ ansprach „denen das Dorf abgebrannt“ sei. Laut offizieller Verlautbarung wurden die „Dörfler“ nun in das Nachbargebiet Aschaffenburg abgeschoben. Zuvor übergab der Büttel den Zuschauer-Dörflern die Abendkasse und eine „Reliquie“, auf die sie bei der Durchquerung des Spessarts besonders acht geben sollten. Er führt sie zur Grenze und ab dort zog der Trupp alleine weiter. Nicht ohne dass sie eingehend vor Wölfen, Feuer, einer Räuberbande und dem Wildschütz gewarnt worden wären. Auf dem Weg durch den Spessart begegneten den vermeintlich abgebrannten Zuschauern nun einige skurrile Gestalten, die sie mal vehement, mal eher dezent, zum mitspielen aufforderten. Das Publikum tat ihnen diesen Gefallen gerne, antwortete bereitwillig und äußerst fantasievoll auf die Fragen der Waldbewohner, vereitelte einen Diebstahl an der Zigeunerin und verteidigte die ihnen anvertrauten Gegenstände verbissen.

Schließlich konnte man sich im Lager der Räuber niederlassen und erlebte hautnah, wie ein Abend an einem ihrer Lagerfeuer um 1810 herum ausgesehen haben könnte. Feuer gab es zwar keines, da Waldbrandgefahr bestand, aber das störte die Gesellen keineswegs – schließlich wollen selbst Räuber sich nicht den Wald unterm Hintern abfackeln.

Das selbst erarbeitete Theaterstück entfaltete am Lager nun seinen komplexen Aufbau: Konflikte zwischen den Bandenmitgliedern wurden aufgezeigt, Sehnsüchte und Ängste thematisiert. Gewalt, Liebe und Eifersucht zogen die Dörfler-Zuschauer in ihren Bann. Dabei war der gefährliche Wildschütz, vor dem immer wieder gewarnt wurde, gar nicht im Lager. Doch seine Legende schwebte schon die ganze Zeit durch das morsche Spessart-Unterholz: es gab Geschichten über seine Geburt und seine Vorliebe, das Bogenschießen, zu hören, sogar ein eigenes Lied hatte der gesuchte Verbrecher „Der Wildschütz ist von Leibe klein …“ Als der legendäre Räuber schließlich unerwartet ins Lager zurück kam, erwartete die Zuschauer eine Überraschung. Aber dieses sorgfältig gehütete Geheimnis, soll hier nicht gelüftet werden.

Immer wieder gab es Szenen, die parallel angesetzt wurden, Dialoge, die im Rücken der Zuschauer geführt wurden, so dass diese sich entscheiden mussten, welchem Handlungsstrang sie folgen wollten. Dieses „Aufbrechen von medial aufgezwungenen Sehgewohnheiten“ ist von der Regisseurin Athena Schreiber bewusst so in Szene gesetzt worden. „Theater mal anders“ –betitelt sie ihr Konzept, in dem es darum geht, dass Zuschauer und Darsteller ihre Komfort-Zone verlassen und das Räuberleben in den Spessart-Wäldern mit-erleben sollen. Schreiber, die auch schon als Dramaturgin an verschiedenen Bühnen gewirkt hat, sieht die Triebfeder hinter dieser Theaterästhetik in der Aktualität des Themas: Die Räuber vor 200 Jahren hatten kaum eine andere Wahl. Sie waren aus dem System ausgestoßen, waren zum Umherziehen gezwungen und mussten ums nackte Überleben kämpfen. Ihre Beute bestand zum Größten teil aus Naturalien, nicht aus Gold und Edelsteinen. Politisch gewollte gesellschaftliche Ausgrenzung bestimmter Gruppen sei auch heutzutage noch ein Thema, schreibt sie im Programmheft.

Und so sind aus den romantischen Räubern des „Wirtshaus im Spessart“ an diesem Abend auch ein Haufen schmutziger und zerrissener, teilweise kranker und psychisch kaputter Menschen geworden. Und so verwundert es nicht, dass es zum Schluss auch noch einen Toten gibt. Aber bevor sich die Wirrungen um diesen Fall aufklären können, jagen ganz andere Schrecken die Räuber und die Zuschauer aus dem Wald. Bis oben hin mit guter Wurst und Brot aus dem Jossgrund abgefüllt, kommen die „Dörfler“ wieder an der Grenze an. Empfangen vom Hanauer Büttel, der sie mit einem Bembel Äppelwoi für die Hessische Armee anwirbt. Was soll man bei soviel obrigkeitlicher Willkür noch sagen? Und so ertönt es nun auch nur noch aus dem Wald: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“

Darsteller und Regisseurin wurden nach der Vorstellung begeistert beklatscht. Bei der Premierenfeier, die zünftig mit Äppler, Brot und Hausmacher Wurst am Pfarrküppel stattfand, wurde ihr Einsatz noch einmal gewürdigt. In weniger als einem halben Jahr haben die neun Darstellerinnen und Darsteller unter der theaterpädagogischen Leitung von Athena Schreiber ihre Figuren erarbeitet. Historische Fakten und theaterpädagogische Techniken haben sie dabei mit einbezogen. Anschließend improvisierten sie einzelne Szenen und fügten sie zu einem Stück zusammen, das unterhaltsam das Leben der Räuber um 1810 herum zeigt. Die in unglaublicher Detailarbeit von Martha Grünewald geschneiderten historischen Kostüme schmutzig zu machen und zu zerreißen, kostete nur anfangs Überwindung. Das Ensemble ist voller Enthusiasmus dabei und plant im Geiste schon die Stücke für das nächste Jahr.